Vom Geben und Nehmen
Vor kurzem sprach ich mit einer Führungskraft über das Thema „Zufriedenheit am Arbeitsplatz“. Die Frau, die bei einem großen österreichischen Unternehmen am Wiener Hauptsitz ein Team von rund 35 Kolleginnen und Kollegen koordiniert, fühlt sich häufig zwischen den Stühlen, wenn es darum geht, Unternehmens- und Mitarbeiterinteressen gegeneinander abzuwägen.
Damit ist sie, wie ich aus vielen Gesprächen weiß, keineswegs allein. Häufig sind die „böse Vorgesetzte“ oder der „tyrannische Chef“ gar nicht so böse oder tyrannisch, wie es für manchen Arbeitnehmer den Anschein hat.
Tatsächlich ist es für Führungskräfte oft schwer, einerseits die erwarteten Unternehmensziele zu erreichen, andererseits aber stets ein offenes Ohr für die Belange der Mitarbeiter zu haben. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine heikle Situation: Die Gefahr besteht, dass man als Führungskraft selbst zur Disposition steht, wenn die Zahlen am Ende nicht den Erwartungen entsprechen. Und im schlimmsten Fall kann dies sogar dazu führen, dass die gesamte Abteilung von der Geschäftsleitung infrage gestellt wird.
Das macht es vielleicht ein wenig verständlicher, warum manche Führungskraft oft wenig „einfühlsam“ erscheint. Hinzu kommt, dass es gar nicht so einfach ist, die richtige Balance zu finden. Mir sagte einmal ein Gruppenleiter: „Wenn ich denen den kleinen Finger reiche, dann reißen sie mir gleich den ganzen Arm aus. Manche Spezis finden immer eine Möglichkeit, für sich das Beste herauszuholen.“
All dies macht es vielleicht ein wenig verständlicher, wenn manche Führungskraft unmenschlich und hart erscheint. Das bedeutet aber trotzdem nicht, dass dies der beste (oder der einzig gangbare) Weg ist. Denn vielfach ist die Führungskraft selbst nicht glücklich über die Situation. Und zudem ist unbestritten, dass in einem angenehmen Umfeld bessere Resultate erzielt werden können als in einem unterkühlten, unpersönlichen Arbeitsklima.
Wichtig ist es daher - gerade als Führungskraft - offen zu sein und Anforderungen, Grenzen und Möglichkeiten klar zu thematisieren. Nur, wenn ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Unternehmensinteressen und den Mitarbeiterinteressen jedes Einzelnen geschaffen wird, dann wird sich der Z-Faktor in der Gruppe dauerhaft bessern. „Jedes Einzelnen“ bedeutet dabei auch, dass dafür gesorgt werden muss, dass nicht einzelne Personen gewährte Freiheiten ausreizen, während andere zu kurz kommen. Auf diese Weise kommt es zu einem transparenten Geben und Nehmen: Jeder weiß, was von ihm erwartet wird, aber auch, was er dafür im Gegenzug an Chancen bekommt.
Meine Gesprächspartnerin jedenfalls wird aktiver mit ihrer Gruppe kommunizieren und hat sich zum Ziel gesetzt, für einen besseren Interessenausgleich zu sorgen.
Wenn du das Leben begreifen willst, glaube nicht, was man sagt und was man schreibt, sondern beobachte selbst und denke nach.
— Anton Tschechow
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