Von der Kraft des biografischen Schreibens
Heute möchte ich Ihnen eine Methode vorstellen, mit der Sie herausfinden können, was Sie zufrieden, aber auch unzufrieden macht - und vor allem: wie es dazu kommt und wo sich Ihre verborgenen Wünsche und Ängste verstecken. Das Prinzip ist einfach: Schreiben Sie Ihr Leben auf!
Biografisches Schreiben ist mehr als einfaches Tagebuchschreiben. Hierbei halten Sie eine Geschichte fest - Ihre Geschichte. Beim Tagebuch sind es immer nur kurze Eindrücke, Gedanken und Empfindungen zum Tag. Beim biografischen Schreiben geht es mehr um das Gesamtbild und die Entwicklung über Monate und Jahre.
Schreiben Sie also Ihre Biografie. Dabei muss nicht alles der Realität entsprechen: Sie können und sollen durchaus träumen, Ihre Fantasie spielen lassen. Stellen Sie sich die Frage, wie Sie zu dem geworden sind, was Sie heute sind. Was waren die entscheidenden Weichenstellungen?Worauf sind Sie stolz? Worauf weniger?
Ihre Texte müssen keine literarischen Meisterwerke sein. Und sie sind nicht dafür bestimmt, veröffentlicht zu werden. Sie werden aber bald merken, dass sich in Ihren Texten und Gedanken bestimmte Muster abzeichnen, die Sie darauf stoßen werden, was Sie in Ihrem Leben bislang zu wenig verarbeitet haben.
Manche meiner Klienten erleben erst beim biografischen Schreiben so richtig hautnah, dass es die unaufgearbeitete Beziehung zu einem (vielleicht längst verstorbenen) Elternteil ist, die sie immer wieder in Unzufriedenheit stürzt. Konkret hatte ich einen Fall, bei dem der Klientin klar wurde, dass ihre Unzufriedenheit mit ihrer Karriere gar nicht aus ihr kam, sondern dass sie ständig versuchte, ihrem Vater zu beweisen, dass doch etwas aus ihr werden würde.
In einem anderen Fall drehte sich bei einem Klienten immer wieder alles um die Diskussionen und die Beziehung zu bestimmten Kollegen. Er entdeckte erst durch das biografische Schreiben, was in diesem Miteinander schief lief - und konnte dem dann für die Zukunft entgegenwirken.
Biografisches Schreiben hat in solchen Fällen eine auto-therapeutische Funktion. Sie sollten sich allerdings nicht dazu zwingen: Die Methode eignet sich nicht für jeden gleich gut. Wenn Sie aber Freude am Schreiben haben, dann wird Ihnen das biografische Schreiben eventuell nicht nur die Augen vor bislang verborgenen Zusammenhängen öffnen, sondern auch viel Spaß machen. Am Anfang müssen Sie sich vielleicht ein wenig zwingen, ein paar Zeilen zu Papier zu bringen - aber viele meiner Klienten berichten mir, dass sie nach einiger Zeit den Drang verspüren, immer weiter zu schreiben. Es kann befreiend und erkenntnisreich sein, sich mit seiner eigenen Geschichte zu beschäftigen.
Und irgendwann dreht sich das Ganze bei einigen: Sie arbeiten dann nicht mehr schreibend ihre Vergangenheit auf, sondern schreiben im wahrsten Sinne ihre Zukunft voraus - und leben sie dann entsprechend.
Weniger ist mehr.
— Ludwig Mies van der Rohe
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